Ballzauber in Tansania – Wer Sex hat, muss rennen


Mit nur 23 Jahren habe ich das Abenteuer gewagt. Chefcoach bei einem Erstligisten in einer ganz anderen, fremden Welt. Fußballromantik, Voodoo-Zauber, finanzielle Engpässe und eine chaotische Klubführung, die zusammen genommen eigentlich nur eines sind – unfassbar! Von all den Erfahrungen und den oft skurril anmutenden Erlebnissen erzähle ich in meinem Buch „Ballzauber in Tansania”. Hier ein Einblick:

 

 

Die Herausforderung ist weit mehr als ein Abenteuer. Tansania – fast ein jungfräulicher Fleck auf der Landkarte des afrikanischen Fußballs. Auf Rang 131 wird die Mannschaft aktuell in der FIFA-Weltrangliste geführt. Umrahmt von Underdogs wie Litauen und Sudan. In diesem Jahr hat sich die Nationalelf erst zum zweiten Mal für die Endrunde der Afrikameisterschaft qualifiziert. 1980 beim Turnier in Nigeria, wo die Taifa Stars bereits in der Vorrunde scheiterten und jetzt für 2019 in Ägypten. Die Hoffnungen auf ein Weiterkommen sind immens, realistisch ist das jedoch keinesfalls.

 

 

2016 hat es mich nach Tansania gezogen. Ein kurzfristiger Entschluss nach dem Bachelor-Studium an der SpoHo. Eigentlich hatte ich mich für ein Programm zur Entwicklungszusammenarbeit in Mwanza beworben. Dort, im Nordwesten des Landes am Victoriasee, befasst sich eine Sports Charity mit dem Bau von Sportstätten und arbeitet an der lokalen Trainer-Ausbildung. Die Organisation ist gut vernetzt und kooperiert auch mit dem örtlichen Erstligisten Toto African SC. Der Kontakt zu dem Klub war schnell und unbürokratisch geknüpft – und ich konnte einen Vertrag als Assistenztrainer unterschreiben.

 

 

Die Liga und die Spieler kannte ich nicht. Nicht ein einziges Spiel habe ich vor meiner Abreise gesehen. Kein Video, keine Bilder, keine Eindrücke. Ein Blind Date! Eine Eingewöhnungsphase gab es nicht. Ohne die Reisestrapazen verdauen zu können, ohne sich großartig unweit der Serengeti akklimatisieren zu können, war ich vom ersten Tag an in Mwanza gefordert. Denn der Vorstand des Erstligisten hatte ein riesiges Casting von Spielern organisiert, um für die neue Saison eine schlagkräftige Einheit zusammenzutrommeln. Mehr als 70 Spieler versammelten sich zum Vorspielen im Stadion. Und täglich kamen neue hinzu. Sichtung auf Afrikanisch!

Einige liefen mit total verschlissenen Schuhen auf, andere mussten sich sogar Stiefel leihen, um Proben ihres Könnens abzugeben. Kein Vergleich mit identischen Situationen in Europa. Wer da an Planungssicherheit denkt, ist fehl am Platz. Improvisieren ist angesagt! Zudem wurde das intensive Casting erschwert durch hartnäckige Diskussionen mit dem Vorstand um Präsident Aiko, Mitgliedern und aufgebrachten Fans. Jeder hatte seine Favoriten. Der eine wollte diesen, der andere jenen. Palaver wie auf einem Basar. Feilschen um jeden Preis. Plötzlich hatten Spieler einen Vertrag in der Hand, die das Trainergespann noch nie gesehen hatte. Offizielle des Klubs hatten anscheinend ihre Lieblingsakteure oder gar Freunde im Meisterschaftskader platziert. Selbst eine offensichtliche Namensverwechslung brachte einem Jungspund, der keinen Ball stoppen konnte, ein verhältnismäßig sattes Handgeld ein. Unter diesen oder ähnlich abstrusen Umständen nahm der endgültige Kader erst am letzten Tag der Transferperiode halbwegs Formen an.

 

 

In der tansanischen Premier League gibt es keinen Klub, der eine jüngere und unerfahrenere Truppe ins Rennen schickte als die Toto Africans. Die Akteure des Teams sind Vollprofis und verdienen durchschnittlich etwa 200 Euro pro Monat. So gering das Gehalt für europäische Ohren auch klingen mag – es ist oftmals die einzige Einnahmequelle der kompletten Familie eines Spielers. Und die ist in der Regel sehr groß. Der Kader ist während der gesamten Saison in einem Camp nahe dem Victoriasee beherbergt. Doch die kleinen, eher spartanisch eingerichteten Sechserzimmer mit Stockbetten und Moskitonetzen bieten alles andere als Privatsphäre. Komfort jedenfalls wird anders geschrieben. Regelmäßige Stromausfälle und vorwiegend kaltes Wasser sind Bedingungen, die nichtafrikanische Profis kaum akzeptieren würden. Und statt der in Europa üblichen Proteinshakes improvisiert man bei den Toto Africans mit Ugali (Getreidebrei aus Maismehl) oder Fischsuppe. Ist billiger und wirkt besser – nach afrikanischem Gusto jedenfalls!

 

 

Ansonsten lebt man damit, sich anzupassen. Wegen der Hitze wird bereits morgens um 7.30 Uhr die erste Trainingseinheit angesetzt, am Nachmittag wird um 16 Uhr trainiert, bevor unvermittelt die Dunkelheit einbricht. Die immer wiederkehrende Frage ist nur: Wo? Weil die Toto Africans keinen eigenen Trainingsplatz besitzen, wird stets nach einer gerade freien Spielwiese in der Region um Mwanza gesucht. Wenn’s geht, nicht so weit entfernt vom Camp – denn der Weg dorthin wird vom Team und den Trainern zu Fuß angesteuert. Und was die Spieler dann erwartet, ist teilweise erschreckend: ein katastrophaler, holpriger, unebener Platz, Tore in unterschiedlicher Größe. Die Spielfeldlinien sind nur per Hand in den Sand gezogen. Falls es hier Gras gibt, ist es meist sehr lang. Das Benzin für den Rasenmäher kann sich der Klub nicht immer leisten. Auf diesen Äckern oder Sandplätzen würde in Deutschland keine Mannschaft aus der Kreisklasse trainieren. So musste einmal sogar das angedachte Torschusstraining ausfallen, weil eine Herde Ziegen den Strafraum blockierte.

 

 

Ist auch nicht so schlimm, denn unsere Verantwortlichen im Verein forderten primär das Arbeiten an der Physis. Kondition bolzen – und zwar täglich bei brütender Hitze. Während die Spieler athletisch und technisch durchaus auf einem ansprechenden Niveau sind, wird der taktischer Bereich eher vernachlässigt. Der Präsident erklärt im Brustton der Überzeugung, dass Hütchen im Training Schnickschnack seien und Distanzschüsse auch mit schweren Medizinbällen trainiert werden können. Ein Magath in Mwanza.

 

 

Aber es gibt auch in Tansania die gleichen Reflexe wie überall. Als die Toto Africans am achten Spieltag wieder einmal enttäuschten, gab es nicht nur Beschimpfungen, sondern es flogen auch Steine in Richtung Trainerbank. Rogasian Kaijage, der damalige Coach, flüchtete in die schützende Kabine und hängte seinen Job an den Nagel. Absoluter Wahnsinn! Und diese Kuriosität brachte mir die unerwartete Beförderung zum Cheftrainer. Der Traum wurde wahr – einen afrikanischen Erstligisten hauptverantwortlich durch die Wirren der Premier League zu führen. Der Kampf um den Ligaerhalt lief auf Hochtouren und das Resultat aller Anstrengungen blieb bis zum letzten Spieltag offen.

 

 

 

Die Spieler in dem fußballverrückten Land haben nur ein Ziel: Jeder möchte es zu einem der beiden Traditionsvereine in der Metropole Daressalam schaffen. Entweder zum Simba FC oder zu den Young Africans. Wenn die am Ball sind, verfolgen zehntausend die Spiele im Stadion und Millionen vor dem TV. Nicht so bei uns und den Toto Africans. Es fehlen Sponsoren in Mwanza, Zuschüsse bekommt der Klub nur vom Verband und ein bisschen vom TV. Aber nur spärlich!

 

 

Anfang Dezember wartete die Mannschaft bereits seit zwei Monaten auf ihre Gehälter. Einen Spielerstreik konnten wir gerade noch abwenden. Der hätte den Zwangsabstieg und das Ende für uns bedeutet. So aber ging es beschwerlich weiter. Erst mal. Mit 16 Bällen, mit Auswärtsspielen per Bus in Orte, die mehr als 24 Stunden oder 1400 Kilometer entfernt liegen. Geschlafen wurde im Bus, weil die Spieler das Geld für eine Unterkunft lieber den Familien schicken. Der Heimvorteil ist immens – bei den Strapazen ist ein Auswärtssieg für so einen armen Verein wie Toto African nahezu unmöglich.

 

 

Kompensiert wurden die Widrigkeiten vor jedem Pflichspiel durch Voodoo-Zauber. Ein Witch Doctor wollte den Spielern mit speziellen Ritualen Kraft geben und den Gegner schwächen. Einmal wurde einigen Spielern von Vereinsseite auch ein Konditions- statt ein Mannschaftstraining aufgebrummt. Der Grund? Die Spieler hatten sich am Abend zuvor bei Prostituierten vergnügt, und der Glaube, dass Sex der Kondition schadet, ist hier weit verbreitet. Ein 14-Kilometer-Lauf sollte das wieder beheben.

 

 

Mein Buch “Ballzauber in Tansania” ist dieses Jahr im Meyer & Meyer Verlag erschienen und im Buchhandel, bei Amazon oder in der SpoHo-Bib erhältlich. Ich freue mich riesig darüber, wenn jemand Interesse hat den Schinken zu lesen. 300 Seiten Spannung, Anekdoten und schier unglaubliche Geschichten über ein Land, das einen großen Platz in meinem Herzen einnimmt. Viel Spaß beim Lesen!

 

Fotos: Tim Jost


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