Eine Leidenschaft – Ein Buch

„Das Buch schoss durch die Halle“, erzählt Dr. Ansgar Molzberger, Initiator des Projekts „Eine Uni – Ein Buch“ an der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Rede ist von Ilija Trojanows Werk „Meine Olympiade – ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen“, welches nach einer Riesenfelge zwischen den Beinen von Jonas Rohleder durch die Turnhalle katapultiert wird. Diese Szene findet sich im Bewerbungsvideo für das Hochschulprojekt wieder. Inzwischen hat die Sporthochschule den Zuschlag für die Förderung erhalten, mehrere Lesestationen auf dem Campus eingerichtet und der Autor selbst war zu Gast bei einer Lesung. Doch bevor das fertige Buch als Sportgerät „missbraucht“ werden konnte, hat Trojanow über vier lange Jahre daran gearbeitet und hart trainiert.

„Was ist die kürzeste Zeit, die ich auf jeden Fall benötige, damit ich das schaffe?“, hat er jeden seiner Trainer gefragt. Denn die Zeit war knapp. Innerhalb dieser vier Jahre trainierte der gebürtige Bulgare die 80 Einzeldisziplinen der Olympischen Spiele, bis er jeweils die Hälfte der Leistung  der Sieger von London 2012 erreichen konnte. Und zwei Bücher wollten ebenfalls verfasst werden. Warum das Ganze? „Der Hauptgrund war das existenzielle Missverständnis, dass acht Sportler aus der ganzen Welt sich anstrengen, während die restlichen sechs Milliarden Menschen auf der Couch sitzen“, antwortet Trojanow.

„Meine Olympiade“ prägt in diesem Sommer neben dem Campus auch die Lehre der Sporthochschule. So gestaltete Dozent Jonas Rohleder eine Einheit im Turnen, angelehnt an die Erfahrungen des Dilettanten Trojanow. Einige Studierende des Seminars „Geschichte des Sports in den Medien“ haben einen Stundenneunkampf veranstaltet und verfilmt. Nachdem dieser dem Publikum bei Trojanows Lesung präsentiert wurde, erklärt der Autor im Gespräch: „Das ist einer der Gründe, die das Buch für mich rechtfertigen“. Gemeint ist die Tatsache, dass dem Fernsehzuschauer die Bedeutung der mentalen Belastung während der Wartezeiten eines Zehnkampfs nicht vermittelt wird. Trojanow kritisiert allgemein die Berichterstattung von Sportereignissen: „Das Zumüllen der Zuschauer mit technischen Fachbegriffen erfüllt nicht die zentrale Aufgabe der Sportreporter, den spezifischen Reiz der Sportart Leuten zu vermitteln, die das noch nie gemacht haben“. Sportberichterstattung bestehe zu 90 Prozent aus der ewigen Wiederholung von Klischees und Floskeln. Um das Verständnis des jeweiligen Reizes einer Disziplin zu verbessern, empfiehlt der Autor Sportreportern außerdem, die verschiedenen Sportarten selbst auszuprobieren.

Eine Zuschauerin, die an den Rundtischen in der Zentralbibliothek sitzt und Trojanows Berichten lauscht, möchte wissen wie der Bulgare die unterschiedlichen Trainer akquiriert hat. Trojanow, der in Wien wohnt, antwortet, das Österreichische Olympische Comitee habe ihn unterstützt, die Nationaltrainer zu finden. Trainiert hat Trojanow aber auf der ganzen Welt: Boxen in Brooklyn, Judo in Tokyo, Ringen in Teheran und Radsport in London. Vor dem Beruf des Trainers, dem dazugehörigen Zurücktreten hinter die Leistungen der Sportler und der Hingabe hat er Hochachtung. Der Schriftsteller stellt fest: „Ich glaube, das [gemeint ist das Buch] ist so ein bisschen eine Liebeserklärung an Trainer“. Nur einer hat ihn aufgegeben: Nach der dritten erfolglosen Trainingseinheit im Kanadier hat Trojanow allerdings Verständnis, dass der Trainer die Geduld verlor. Nicht immer lief alles rund für den ambitionierten Autor. Auch er gab einmal auf. Während des 50 km Gehens hatte Trojanow das Gefühl, er würde seinem Tod entgegengehen. Nach dem Triathlon hingegen empfand er ein allumfassendes Glücksgefühl, das auch der Olympiasieger nicht stärker hätte empfinden können. „Obwohl ich mit Abstand der Letzte war und alles schief ging“, fügt er hinzu. Wohl auch aus diesem Grund würde er diese vier Jahre gerne noch einmal erleben. Die Lesung und die Atmosphäre an der Sporthochschule scheinen Trojanow ebenfalls gefallen zu haben. Er wolle bald wieder zu Besuch kommen, verrät Dr. Molzberger.

Ein Beitrag von Tim Wehinger.


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