Warum Menschen mit einer Behinderung Sport studieren und ins Weltall fliegen sollten – oder: was wir von Heidi und Klara lernen können.

 Es ist schon etwas her, dass meine Kinder in dem Alter waren, als sie Heidi im KIKA geschaut haben. Aber ich habe gerne mitgeschaut und mich an einer der Serien meiner Kindheit erfreut. Warum ich das hier schreibe? Weil ich zum ersten Mal erkannt habe, dass es bei Heidi auch um Inklusion geht. Ganz schön progressiv für eine Geschichte aus dem Jahr 1880. Aber ich muss kurz einen Bogen schlagen!

Das Ausloten von körperlichen Grenzen und die Optimierung der physischen Eigenschaften sind Kernmerkmale des Sportgedankens. Wenn wir von Sport und Leistung sprechen, meinen wir nicht selten die durchtrainierten Körper junger, gestählter Athletinnen und Athleten. Doch dieses Bild gerät mehr und mehr ins Wanken. Wenn wir heute von Olympia reden, denken wir fast automatisch auch die Paralympics mit und sind ebenso beeindruckt von den Leistungen behinderter Sportlerinnen und Sportler.

Wir alle bei NOVESPACE. Familie Monfeld, Familie Keiser und Prof. Schneider

Dass Menschen mit einer Behinderung im Alltag zunehmend nicht mehr auffallen ist nicht zuletzt Ergebnis eines immer wieder geforderten Inklusionsgedankens. Und dort wo Berührungsängste (die natürlich immer noch vorhanden sind, wo sich Menschen begegnen, die offensichtlich anders sind) erst einmal abgebaut sind, wird schnell klar, dass sich der Mensch nicht über seinen oder ihren Körper mit seinen Fähigkeiten – oder eben mangelnden Fähigkeiten – sondern über seine Persönlichkeit definiert.

Auch wenn die inhaltliche Relevanz des humboldtschen Bildungsideals für die gegenwärtige Bildung junger Menschen gerade intensiv diskutiert wird (siehe aktuelle Ausgaben der ZEIT), bleibt die bildende Entwicklung der individuellen Persönlichkeit neben der Aneignung mehr oder weniger nützlichen Wissens eines der Kernmerkmale des wissenschaftlichen Studiums. Eine Persönlichkeit bildet (daher Bildung) sich nicht nur durch das Erlernen grundlegender Fähigkeiten zur Selbstständigkeit (Texte lesen und verstehen, Termine einhalten, Waschmaschine bedienen), sondern vor allem über die Erkenntnis von komplexen Zusammenhängen und Fakten. Nur dort, wo wir wissen wie und warum Dinge funktionieren – oder auch nicht funktionieren – sind wir in der Lage, das oberflächlich betrachtet Fremde, das Unbekannte und Angst einflößende mit anderen Augen und in einem relevanten Kontext zu sehen und damit die größeren Zusammenhänge zu begreifen.

Wir an der Deutschen Sporthochschule Köln bewundern junge Menschen, die sich trotz körperlicher Behinderung dazu entschließen Sport zu studieren und wir unterstützen seit vielen Jahren den Wunsch von Menschen mit einer Behinderung nach einem Sportstudium.  Diese Menschen stellen uns oftmals vor große Herausforderungen, gilt es doch über Jahre gewachsenen Prüfungsformen zu verändern und individuelle und gleichzeitig auch gerechte Leistungen einzufordern. Es erfordert aber auch in der praktischen Vermittlung eine völlig neue Herangehensweise. Wie kann ein Handstützüberschlag mit nur einem Arm aussehen? Wie ein Startsprung aus dem Rolli? Die Erfahrung lehrt: Es geht! Es sieht anders aus, aber es ist, korrekt ausgeführt, absolut funktional. Und wir als Dozierende sind stolz darauf eine Lösung gefunden zu haben, die zwar nicht alltäglich, aber funktional und ergebnisorientiert ist. Das hat einen Hauch von Ingenieurswissenschaft!

Inklusion meint nichts Anderes als Zugänge und damit Teilhabe zu ermöglichen. Erinnern Sie sich an die Figur der Klara in der Kinderserie Heidi, die im Rollstuhl saß und erst als Sie zu Heidi auf die Alm geschickt wurde im wahrsten Sinne des Wortes aufblühte, eben weil sie aus Ihrer engen bürgerlichen Tristesse herauskam und Neues erlebte. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich Klaras Persönlichkeit verändert, wie Sie Mut zu sich selbst fasst, eben weil sie an den Herausforderungen der Reise und an der Freundschaft zu Heidi, dem Alm-Öhi und dem Ziegenpeter wächst. Genau das ist Inklusion: Menschen mit einer Behinderung die Teilhabe am ganz normalen Leben, mit allen Höhen und Tiefen, mit Freundschaft und Enttäuschung zu ermöglichen. Was sie daraus machen, bleibt ihnen überlassen, so wie jedem von uns. Entscheidend ist die Ermöglichung. Was wir von Heidi lernen können: Offenheit, Witz und ein Quäntchen Forschheit helfen Berührungsängste abzubauen.

Die Reise auf die Alm zu Heidi, dem Alm-Öhi und dem Ziegenpeter war für Klara eine Reise in eine andere Welt. Erinnern wir uns, die Geschichte spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Inklusion und Teilhabe erfordert nicht nur von uns, dass wir uns auf Menschen mit einer Behinderung einlassen, sie erfordert zu aller erst großen Mut der Betroffenen. Sie, die so offensichtlich anders sind müssen etwas wagen. Und das im Teenageralter. Vielleicht erinnern Sie sich noch selbst, wie es war in dieser Zeit: Bloß nicht anders sein. Bloß keine Zahnspange, keine Brille, keine Pickel. Und dann ein Teenager im Rollstuhl, der sich aus der Frankfurter Tristesse einer gut bürgerlichen Familie in die Abenteuerwelt der Alpen traut. Im Rollstuhl!

Paula und Alexander sitzen auch im Rollstuhl. Paula kann auch schon mal ohne, Alex weniger. Beide haben nur wenig Berührungsängste. Ich vermute, dass hängt auch damit zusammen, dass den beiden gerade etwas ganz Anderes durch den Kopf geht: T-18 Stunden, als wir uns das erste Mal bei NOVESPACE treffen. Noch 18 Stunden, dann wird ihr Körper, der sonst den größten Teil des Tages auf den Rolli angewiesen ist, frei im Raum schweben. Und zwar dort, wo früher Frau Dr. Merkel saß, im zum Parabelflieger umgebauten A310 der Flugbereitschaft, heute unterwegs im Namen der Europäischen Weltraumagentur ESA für „Forschung unter Weltraumbedingungen“, so die offizielle Bezeichnung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) für Parabelflüge.

Paula und Alexander sind zwei von acht Kindern mit einer Behinderung, die auf eine Initiative der französischen Organisation Rêves de Gosse, was übersetzt soviel wie „Kinderträume“ bedeutet von der ESA eingeladen wurden an einem Parabelflug teilzunehmen. Und weil wir an der DSHS so viel Erfahrung haben mit Schwerelosigkeit (seit 30 Jahren forschen wir für die bemannte Raumfahrt) und bewegten Behinderten (die einzige Professur für paralympischen Sport in Deutschland) sind wir mit dabei und begleiten die beiden jungen Kölner und Ihre Eltern auf dieser einmaligen Reise in die Schwerelosigkeit. Ich kenne das schon, bin schon häufig im Parabelflieger geflogen. Paula und Alex sind  gerade das erste Mal im Flieger – der aber derzeit noch in Bordeaux auf dem Boden steht.

Links: So sieht es normalerweise im Bauch des A310 aus! Rechts: So sieht es heute aus. Leer!

Ein voller Tag! Ein toller Tag. Nach einem Meeting mit Stéphane Besnard, dem besten Flugmediziner den es gibt, sind Paula und Alex beruhigt. Stéphane hat noch einmal ausführlich erklärt, was beim Parabelflug passiert und wie der Körper darauf reagiert. Wir haben auch intensiv darüber gesprochen, wie wir morgen in den Flieger gelangen (Alex im Rollstuhl per Lift – was ein Luxus!!!) und wie wir dann, nach dem Start in den eigens für die Teilnehmer leergeräumten 100m2 großen “Spielbereich” kommen. Der Spielbereich ist eigentlich kein Spielbereich, sondern wird üblicherweise für die ca. 10-12 Experimente genutzt, die sonst, während wissenschaftlicher Kampagnen an Bord sind. Aber jetzt gähnt hier eine große, weiße Fläche, die auch ohne Schwerelosigkeit zum Turnen und rumspringen animiert.

 

Alexander und Stéphane Besnard bei den letzten medizinischen Checks

Es folgte eine Begrüßung durch den französischen Astronauten Jean-Francois Clervoy und den obersten ESA Chef Prof. Jan Wörner. Ganz wichtig hier: Es ist das erste Mal überhaupt, dass auf europäischem Boden Kinder an einem Parabelflug teilnehmen. Die ESA hat einige kleine Experimente vorbereitet, die am morgigen Tag, in Schwerelosigkeit durchgeführt werden können. 15 Parabeln wird es geben, die ersten beiden nicht in Schwerelosigkeit, sondern mit der Schwerkraft, wie sie am Mond herrscht (0.16G) und dann 13 mal für 22 Sekunden schwerelos. Ehrlich gesagt zweifel ich noch daran, dass die Kinder und Ihre Begleiter genügend Zeit haben werden sich mit den Experimenten zu beschäftigen. Das ist alles viel zu spannend!

Fünf Astronauten der ESA sind morgen mit an Bord, darunter auch der deutsche Astronaut Thomas Reiter, der bereits Mitte der 90er Jahre (MIR97) Experimente der DSHS auf der russischen Raumstation MIR durchgeführt hat. Thomas Reiter wird morgen im Flug – das ist wie Lufthansa First Class! – der persönliche Steward für Paula sein und ich werde mich um Alex “kümmern” – wobei “kümmern” hier meint, dass wir bereits heute einige riskante Manöver ausgeheckt haben, die eigentlich klappen sollten.  Wenn nicht, werden wir wohl beide ziemlich durch sein – dann muss Stéphane wieder ran.

 

Thomas Reiter erklärt Paula ein Experiment.

21:10 Ende der Veranstaltung für heute. T-12 Stunden. Check-In morgen 8:00! Sharp!

T-1. Noch eine Stunde. Rush-hour @ NOVESPACE. Ankommen. Anziehen. Medikamente. Presse- und Familienfoto vor dem Parabelflieger. Einsteigen. Verabschieden.

T-15 Minuten. Türen zu. Wer jetzt drin ist, fliegt mit. Die Nervosität steigt.

9:00 Uhr. Take off. Abflug.

Ein letzter Gruß vor dem Abflug

Dann gegen 09:30 die ersten beiden Parabeln. Zum „Gewöhnen“ wird mal nur Mondschwerkraft geflogen. Aber das ist schon beeindruckend genug. Mit nur einem Sechstel des eigenen Körpergewichts lassen sich doch auf einmal ganz interessante Sachen anstellen, z.B. einarmige Liegestütze. Schade, dass auf den Videos der Hintergrund verrät, wo wir sind.

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Alex strahlt übers ganze Gesicht. Paula ist erst mal etwas gestresst. Aber das kenne ich gut. Schwerelosigkeit ist unbeschreiblich. Nicht zwingend unbeschreiblich schön, aber eben unbeschreiblich. Man kann diesen Zustand nicht erklären, weil es im menschlichen Leben keine Referenz gibt. Manche vergleichen es mit der Beschleunigung beim Achterbahnfahren oder wenn man mit dem Auto über einen kleinen Hüppel fährt und die Eingeweide kurz in der Luft hängen bleibt. Andere haben das Gefühl mit Karracho aus der Flugzeugkabine rauskatapultiert zu werden. Aber es ist ganz anders. Wirklich unbeschreiblich. Und dann ist es in der Tat so, dass einige Mitflieger sehr panisch reagieren. Weil es eben eine absolute körperliche Sensation ist. Ich erkläre das Paula kurz in der ersten Pause und danach wird sie ruhiger. Der Körper gewöhnt sich an das Gefühl. Und Paula hat zwei tolle Begleiter, Olivier von NOVESPACE und Thomas Reiter. Ab der fünften Parabel ist alles gut. Auch auf Paulas Gesicht breitet sich ein Grinsen aus, Alex fängt mit den ersten (geführten) Saltos an. Nach Parabel 10 sind beide nicht mehr zu halten. Paulas rote Haare wehen wie ein Vorhang in Schwerelosigkeit um sie rum. Alex spielt mit seinem Basketball.

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Die Flugroute!

 

13 mal 22 Sekunden Schwerelosigkeit sind schnell um. Leider. Schade.

Paula, Cora, Jan Wörner und Thomas Reiter nach dem Flug.

 


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