Von Facebook und Franzosen

Ich liege auf der Couch und studiere stundenlang die Neuigkeiten auf der Facebookstartseite mit meinem geliehenen iPhone 4. Denn das kürzlich gekaufte 6er wurde mir in einem Menschenpulk beim Warten vor dem Stadion geklaut. Die Ungeduld der Argentinier vor Fußballspielen ist mal wieder explodiert und so musste die Polizei beim Spiel von River Plate gegen Rosario Central mit mehreren Hundertschaften das Gebiet rund ums Estadio Monumental, zum Zorn aller Fans, absichern. Mit Wellenbrechern, Schlagstöcken, Hunden und dem Einsatz von Pfefferspray wurde die schimpfende Masse versucht zu bändigen. Im Getümmel ließ ich meine Hosentaschen 10 Sekunden lang unbeaufsichtigt, was für die Straßenräuber eine halbe Ewigkeit bedeutet. Als wäre das nicht genug, bekomme ich aus nächster Distanz die volle Ladung Pfefferspray ab. Es folgt eine zweiwöchige Bindehautentzündung, langanhaltender Schnupfen und Kopfschmerzen. Dass der Grottenkick 0:0 endete und im Stadion kein Bier verkauft wird, sei unter diesen Umständen nur am Rande erwähnt.

Straßenkreuzung in der Nähe des Unicampus auf der Av. del Libertador bei Sonnenuntergang

Ich starre also ins Leere auf mein Handy, es rauschen Katzen- und Kochvideos an mir vorbei, ich werde aufgefordert, sieben meiner Facebookfreunde zum Geburtstag zu gratulieren – was ich noch immer nicht getan habe (Alles Gute nachträglich an alle) – und frage mich, warum jeder Post mit einem „Danke *Kusssmiley* hihihi“ vom Geburtstagskind kommentiert wird.
Es folgen Videos der besten Champions-League Tore 2011/12, die legendärsten Schwalben und die brutalsten roten Karten der 2000er. Stunden vergehen, Chips- und Keksverpackungen stapeln sich auf der Couchlehne, die Sonne geht unter und ich ärgere mich, mal wieder einen Tag verschenkt zu haben. Der Alltag scheint eingekehrt zu sein. Der Kick fehlt. Das Neue fehlt. Der Winter ist da. Zeit also, ein bisschen Schwung in den weißen Europäerarsch zu bekommen. Wie treffend, dass mir genau dann einfällt, dass ich in einer Woche aufgrund des ablaufenden Visums das Land verlassen muss. Umgehend schmeiße ich den Laptop an, buche in Windeseile die Bootstickets für eine Überfahrt nach Uruguay am darauffolgenden Wochenende und mich überkommt das Gefühl, heute mal wieder einen Haufen wichtiger Dinge erledigt zu haben. Man muss ein echter Meister im Selbstbetrug sein, wenn man sich diesen Schwachsinn abkauft.

Zeitsprung.

Ich sitze in der Wartehalle in Porto Madero und schaue den eifrigen Arbeitern beim Beladen des Schiffes zu. Durch die Vorfreude auf den Wochenendtrip kam die Unternehmungslust zurück und ich fühle mich sehr viel besser, als noch vor einer Woche voll gefressen und ungeduscht auf der Couch vor der PlayStation. Die ungesunde Ernährung scheint aber Spuren hinterlassen zu haben und mir reißt die enge Jeans linksseitig, Po abwärts beim Kreuzen der Beine. Warum ich genau zu diesem Zeitpunkt unter einer normalen Hose keine Boxershorts trage, dafür aber zwei paar Socken trage, ist eine andere Geschichte. Wenige Minuten und einige amüsierte Blicke später, nehme ich mit blankem Hintern auf den kalten Ledersitzen der Atlantic III Platz, nachdem ich mich an alten Omas, weinenden Kindern und Gehbehinderten vorbei gedrängelt habe, um einen Fensterplatz zu ergattern. Man muss sich auch einfach mal durchsetzen können. Die Fahrt dauert ca. eine Stunde, der Duty Free Shop an Board wird schnellstmöglich von zahlreichen Schnäppchenjägern geplündert und ich halte mit offenem Mund und steifem Nacken ein Mittagsschläfchen, anstatt aus dem Fenster zu schauen.
In Montevideo besuche ich das Karnevalsmuseum, koste lokale „Biere“ und besuche das Holocaust-Denkmal. Am letzten Tag in Montevideo dann ein Stadionbesuch der besonderen Art. Das Estadio Centenario Montevideo ist das zuhause der Erstligisten Nacional Montevideo und CA Peñarol und Austragungsort des ersten Finales einer Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1930 (Uruguay – Argentinien 4:2).

Estadio Centenario Montevideo, ehemals etwa 100.000 Zuschauerplätze. Aus Sicherheitsgründen heute nur noch 60.235

Absolute Gänsehaut beim Betreten der Ränge, als plötzlich die Sonne durch die Wolkendecke dringt und der leise Wind mir bei geschlossenen Liedern Geschichten in schwarz-weiß vor das innere Auge zaubert. Was für ein Gefühl für einen Fußballliebenden meiner Sorte! Im Innenraum des Stadions befindet sich ein Museum rund um das Fußballgeschehen der Uruguayer bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Der erste Pokal der Copa America, der erste WM-Pokal von 1930 und Originaltrikots von Pele sind ausgestellt, denn auch die Historie der brasilianischen Nationalmannschaft findet aufgrund der vielen Touristen aus dem Nachbarland hier ihren Platz.

Rechts der erste WM-Pokal der Fußballgeschichte, mittig die uruguayische Siegermannschaft

Nach zwei Tagen und zwei Nächten uruguayischem Großstadtleben, zieht es mich in ins historische Viertel einer gemütlichen Kleinstadt, die keinen schöneren Namen tragen könnte: Colonia. Breite Pflastersteinstraßen, alte Straßenlaternen und die rauschende Küste machen aus Colonia einen traumhaften Rückzugsort, um dem Unistress zu entkommen. (Publikum lacht)
Das einzige Problem in der sonst harmonischen Kleinstadt Colonia sind die Hostelgäste in meinem 10-Bett-Zimmer. Um genau zu sein: die europäischen. Um genauer zu sein: die Franzosen. Um am genauesten zu sein: ein Pärchen aus Paris. „Hola, como están?“, werfe ich in den Raum. „Bonjour, ca va?“ entgegnet mir ein sichtlich genervtes Pärchen, weder der spanischen noch der englischen Sprache mächtig wirkend. Wenig verwundert entgegne ich ein aufgesetzt notdürftiges „ca va bien“ und wechsle bis zum Abendessen kein Wort mehr mit ihnen. Pardon, auch danach nicht. Denn das ignorante Großstadtpack beteiligt sich keine Sekunde an der durchaus amüsanten Runde beim gemeinsamen Abendessen. Sie bestätigen jegliches Klischee, bringen ihr eigenes Baguette mit zum Abendessen (was natürlich nicht geteilt wird), vereinnahmen die Rotweinkaraffe für sich und probieren mit verzerrtem Gesicht von der Käseplatte. Auf ihrer Stirn steht geschrieben: „Bah, der schmeckt ja gar nicht wie zuhause“ und ich kann ihre seltsame Franzosen-Attitude nicht annähernd begreifen. Manche Leute wollen die Welt einfach nur brennen sehen…

Hauptstraße im Küstenort Colonia, im Hintergrund der modrige Rio de La Plata

 Tatsächlich stehen zur Zeit und in den kommenden Wochen Prüfungen an, denn auch hier werden Schwimmen, Turnen und Leichtathletik in Theorie und Praxis geprüft. Dass sich die Zeit für das Lernen von Studieninhalten auch auf der anderen Seite des Erdballs in Grenzen hält, ist kein Geheimnis. Darum genieße ich es umso mehr, die hysterischen Erstis mit prall gefüllten Ordnern und Büchern eine Viertelstunde vor Klausurbeginn über die Flure hetzen zu sehen. Das Semester neigt sich also dem Ende, der Alltag gehört der Vergangenheit. Es wird Zeit die Beine in die Hand zu nehmen und ein paar Wochen mit dem Schwesterherz zu verreisen. Was ist das überhaupt für ein Sprichwort, „die Beine in die Hand zu nehmen“? Wirklich schneller voran kommt man doch auch nicht, wenn man gebückt nach seinen Knöcheln greift und nur versucht, nicht umzufallen anstatt sich vorwärts zu bewegen.

 

Das edificio viejo mit Vorlesungsräumen und InfoPoint

Ein Beitrag von Julius Schmidt.


5 Kommentare

  • PuK

    Paul

    29. Juni 2017

    sehr gut geschrieben, habe selten so viel über einen Beitrag gelacht!
    Vielen Dank und noch eine gute Zeit dadrüben 🙂

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  • Theresa

    30. Juni 2017

    Wie immer großartige Story, Julius. Grüße aus der Soziologie und Genderforschung! 🙂

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  • Lena

    30. Juni 2017

    Sehr, sehr lustig 🙂 🙂 Smiley, hihihi, Kusssmiley

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  • Conti

    30. Juni 2017

    Echt guter Artikel! Viel Spaß dir noch dort, Julius!

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  • Paul

    1. Juli 2017

    Ganz OK geschrieben

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